Gebrüder Trabusch

04.03. bis 25.03.2011

Freitag von 18:00 – 20:00

Stephanie Trabusch
Portraits / Große Liegende
Ein Porträt ist die künstlerische Darstellung einer Person. Es sei nun aber, so der Volksglaube, darüber
hinaus auch die Absicht eines Porträts, neben der Darstellung körperlicher Ähnlichkeit „das Wesen
bzw. die Persönlichkeit der porträtierten Person zum Ausdruck zu bringen“ (Wikipedia). Daher zeige
das Porträt wegen der Bedeutung der menschlichen Mimik in der Regel das Gesicht der Person. Nun
darf aber der Begriff der „Person“, wie man weiß, in einer bürgerlich verfassten Denk- und
Sozialordnung 2.0 keineswegs mit den philosophisch-semantisch und politisch-ideologisch
überkodierten Begriffen der „Persönlichkeit“ oder gar „Individualität“ verwechselt werden. Diesem
Trugschluss unterliegt jedoch, aus historischer Perspektive natürlich folgerichtig, spätestens seit der
italienischen Hochrenaissance die Portraitmalerei, und ist seither auch nicht von diesem Irrglauben
abgerückt. Das Aufkommen der Fotografie und Filmkunst als weiteres „Darstellungsmedium“
(Wikipedia) hat die Sache nur verschlimmert und die sich modernistisch („up to date“) gerierende
Portraitmalerei des 20. Jahrhunderts in eine geradezu phallozentrisch-psychologistische Richtung
(Picasso, Bacon) getrieben, die an dekonstruktiv-verlogener Grauenhaftigkeit nicht mehr zu überbieten
ist (vgl. Adorno).
In ihrer aktuellen, in Zusammenarbeit mit dem sympathischen Münchner Off-Space Gebrüder
konzipierten Ausstellung, die nicht als Retrospektive, sondern vielmehr als piktorales Futuroskop
gesehen werden sollte, bricht die Künstlerin Stephanie Trabusch, man möchte ausrufen: „endlich!“,
mit dieser unseligen Tradition und reduziert, nein, erweitert die Kunstgattung des Portraits wieder auf
seine einzig überhaupt mögliche Funktion, nämlich die künstlerische Darstellung der Person als
objektiv-abstrakter, gleichwohl autonom-monadischer Teil eines sozialen Gesamtgefüges. Das hat
nichts zu tun mit Gruppendynamik, Rad im Getriebe oder Charaktermasken. Es wird die „Person“
auch nicht, wie bei dem großen Unterschätzten der zeitgenössischen Portraitkunst, Andrew Warhola,
in die ideologische Kategorie des Pop hinein-, und damit aus der Historie hinauskontextualisiert. Zwar
geht es Stephanie Trabusch ebenso um die Darstellung der Oberfläche, jedoch allein die des Bildes als
soziales Faktum, die mit der – ohnehin ideologisch-fiktiven – „Persönlichkeit“ der Person, die nur
Anlass für die Gestaltung der Bildoberfläche war, nun wirklich nichts zu tun hat. Dies ermöglicht der
Künstlerin Stephanie Trabusch, in einer gewissermaßen dialektischen Volte, die spirituelle
Überhöhung der Kategorie „Person“ aus den Fesseln der vom auktorialen Künstlergenie oktroyierten
sozial-psychologischen Unmündigkeit hinaus in die, wenn man so will, neoplatonische Freiheit der
piktoralen Oberfläche. Sofern man darin eine postmoderne Anknüpfung an die spätmittelalterliche
Figurendarstellung sehen möchte, so trifft dies zu.
Da an anderer Stelle bereits auf die Schlüsselposition des großformatigen Ölgemäldes „Große
Liegende“ (1997) in Stephanie Trabuschs Werk zutreffend hingewiesen worden ist, sei an dieser Stelle
nur auf die spannungsreiche Konfrontation dieses einzelnen erotisch-gesichtslosen Körperportraits mit
den vielen spirituell-körperlosen Gesichtsportraits hingewiesen. Hierzu ließe sich viel sagen. Zwei
detailreich ausgearbeitete (beinahe) Stillleben runden das Bild dieser Ausstellung virtuos ab.
©FP 2011 für Gebrüder